Wenn wir ein Kind holen, holen wir eine Familie nach. Wir dürfen nicht nachgeben. Österreich hat genug getan. Wir schicken Hilfspakete. Wir dürfen nicht die falschen Signale aussenden, um Menschen zu ermutigen, zu uns zu kommen.

Die falschen Signale … An wen richten sich eigentlich diese Worte? Ganz ehrlich, an wen sind diese Worte gerichtet? An die Menschen in Moria und Lesbos? Wir wollen keine falschen Signale aussenden an 12-jährige, die ihrer Tage damit verbringen – zu überleben? Woher sollen sie denn die weisen Worte unseres Kanzlers vernehmen? Schauen sie alle zusammen die ZIB 2 vorm Schlafengehen? Hmm? Schlagen sie morgens die Krone Zeitung auf und denken sich – oha – dann nicht nach Österreich … oder die Menschen in Syrien, die stehen vor den Ruinen ihrer ausgebombten Wohnhäuser und denken: Schade, hätte ich mich nur schon 2015 auf dem Weg gemacht – da hätte ich noch vom österreichischen Sozialsystem profitieren können, aber jetzt, mit diesem strengen Kanzler, tja, wäre ich doch schon 2015 ausgebombt worden …

2015. Das war ja knapp. Beinahe hätten sie uns überrannt, nicht wahr? Glücklicherweise hatten wir damals einen fähigen Integrationsstaatssekretär, Sebastian Kurz, der eine europäische Gesamtlösung anstrebte und vor Panikmache und Emotionalisierung warnte … Glauben Sie nicht? Lese sie nach … https://kurier.at/politik/inland/sebastian-kurz-rechte-vergiften-das-klima/148.467.226

Die Sache ist – er hat recht. Integrations- und Migrationsfragen müssen sachlich und nüchtern erörtert werden. Ohne Emotionen. Das heißt aber auch ohne Angst und Panikmache. Ohne Vorverurteilungen und vor allem dürfen diese Fragen nicht ein billiges Sprungbrett der politischen Selbstinszenierung sein.

Und eines steht auch fest: Sachlichkeit und Emotionslosigkeit – das geht nicht bei Kindern! Kinder sind keine Sachfrage. Es sind Kinder! Kinder. Eigentlich sollte das Wort allein reichen, um jede weitere Diskussion zu beenden! Es geht nicht darum, ob sie einen bleibenden Aufenthaltsstatus bei uns bekommen, sondern schlicht darum, sie – sofort – aus einer Umgebung zu befreien, die unserer Vorstellung von Hölle ziemlich nahekommt!

Wir sind Menschen – wir schützen die Kinder – alle Kinder. Das ist Teil unserer Programmierung, ob wir wollen oder nicht! Das ist die Regel, an die wir uns gehalten haben, seit wir als Spezies von den Bäumen gestiegen sind:

Wir schützen unsere Kinder, wir ernähren sie, wir umsorgen sie – und wenn es sein muss, geben wir unser Leben für sie – egal ob sie Mahmud oder Anna heißen!

Selbst die härtesten Befürworter einer strengen Aus, – und Abgrenzungspolitik werden sich selbst auf die Gleise werfen, wenn es darum geht, ein Kind – egal ob weiß, braun oder schwarz – vor dem Zug zu retten. Wir dürfen nicht zulassen, dass wir diese Emotion verneinen, sie mit Argumenten verschütten und Distanz und Kälte aufbauen, statt ihr nachzugeben. Es sind Kinder – sie erwarten von uns keine europäische Gesamtlösung – sie hoffen auf Rettung!

Kinder wissen nichts von Zuwanderungsquoten, Meinungsumfragen, bevorstehenden Wahlen, innenpolitischen Strategien … Sie stecken fest in einem stinkenden, dreckigen Zeltlager, hungrig, frierend und erschöpft. Sie wollen von uns keine schönen, wohlgesetzte Worte, sie wollen Taten. Und was tun wir? Stehen wir ernsthaft auf den Gleisen betrachten den näher kommenden Zug und denken: Selber schuld, wären Sie mal nicht auf die Gleise gestolpert … Denn das sind sie. Sie sind in ein Leben der Angst, der Entbehrung und der Furcht gestolpert – es liegt an uns, sie aufzufangen.

Vergessen wir nicht, wer wir sind. Egal, aus welchem politischen Lager wir stammen – Nächstenliebe und Solidarität sind die Früchte desselben Baumes. Aber Solidarität endet nicht vor der eigenen Haustür. Und der Typ aus dem Neuen Testament, der mit den langen Haaren sagte: Lasset die Kinder zu mir kommen. Er sagte nicht: Lasset die Kinder zu mir kommen – ausgenommen …

Wenn sie diese Zeilen lesen und noch immer denken: Ist ja schön und gut, aber wir können nicht alle aufnehmen, haben sie nicht verstanden. Es geht nicht um Argumente, es geht um Emotionen – und das wir keine Angst davor haben sollten, diesen Emotionen nachzugeben, sondern stolz darauf zu sein.

Zwei kleine Experimente zum Abschluss: Denken sie an Moria. Denken sie an Kälte und Hunger, Angst und Hoffnungslosigkeit und nehmen sie bitte sehr genau den Geruch nach menschlichen Fäkalien wahr, der aus den völlig unzureichenden Dixie-Klos durch diese improvisierte Zeltstadt strömt. Und jetzt stellen Sie sich nicht eine anonyme Masse an Flüchtlingen, Migranten und Asylwerber vor. Stellen sei sich vor, es ist ihr Kind, das dort jeden Tag ums Überleben kämpft. Sie können nicht mehr helfen. Sie sind im Mittelmeer ertrunken, von Bomben zerfetzt, vom Taliban erschossen. Ihr Kind ist allein. Niemand ist da, um es zu schützen, zu ernähren und zu umsorgen. Ihr Kind ist allein in der Hölle. Und Österreich schickt Hilfspakete.

Oder weniger dramatisch: Fragen sie ihr eigenes Kind – fragen sie ihre 5-jährige Tochter, fragen sie ihren 8-jährigen Sohn, ob wir – die erwachsenen ÖsterreicherInnen – Kindern in Not helfen sollen, ob wir sie retten sollen? Die Antwort sollte sie nicht überraschen – sie kommt von Herzen.

Ihr Andreas Sucher,
Landesgeschäftsführer SPÖ Kärnten