Ich bin stolz in Kärnten verwurzelt zu sein.
Ich genieße die landschaftliche Schönheit, die Nähe zu unseren Nachbarn und schätze es, für dieses Land zu arbeiten und hier zu leben!
Und ich bin allen gegenüber dankbar, die dazu beigetragen haben, dass es so ist!

Ich bin, auf den Punkt gebracht, „Verliebt in Kärnten!“

Kärnten/Koroška feiert heute einen historischen, einen denkwürdigen Tag. Wir feiern heute einen Tag, der nicht nur in die Kärntner und die österreichischen Geschichtsbücher eingehen wird, sondern ein Jubiläum das Kraft seiner Historie von europäischer Bedeutung ist. Nicht umsonst steht die heutige Feierstunde unter dem Motto „Kärnten 1920-2020 – in Vielfalt geeint“. Ich, wir, haben dieses Motto, das gleichlautende Motto der EU, ganz bewusst für diesen historischen Tag gewählt. Denn die wechselvolle Geschichte Kärntens, der Kärntnerinnen und Kärntner – unabhängig ob mit deutscher oder slowenischer Muttersprache – unsere gemeinsame Geschichte ist inklusive der vielen schmerzlichen Erfahrungen und Auseinandersetzungen geradezu symbolhaft für die gesamteuropäische Entwicklung. Frei nach Friedrich Hebbel war und ist Kärnten „eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält“. Die im Friedensvertrag von St. Germain am 10. September 1919 für den 10. Oktober 1920 fixierte Kärntner Volksabstimmung, gab einem Volk zum 1. Mal die Möglichkeit selbst über seine Zukunft und seine Staats- und Systemzugehörigkeit zu entscheiden.
Umso mehr freut es mich, dass wir zum 100 Jahr-Jubiläum der Kärntner Volksabstimmung, diesem historischen Ereignis, heute mit einem weit über die Grenzen unseres Bundeslandes hinaus strahlenden besonderen Festakt, zeigen, wie sehr sich Kärnten in den letzten 100 Jahren weiterentwickelt hat, insbesondere wie sehr Vielfalt auch eint: Zum allerersten Mal, und ich freue mich stellvertretend für unser gesamtes Bundesland, nehmen heute zwei Staatsoberhäupter und große Freunde Kärntens an der Feier zum Gedenken der Volksabstimmung teil!

Geschätzter Herr Bundespräsident Van der Bellen, lieber Alexander, Spoṧtovani gospod predsednik Republike Slovenje, Pahor, /dragi Borut: Es ist mir ein tiefes Bedürfnis, mich bei euch für eure Teilnahme an den heurigen Feierlichkeiten zu bedanken.
Hvala za vašo udeležbo! Danke für eure Teilnahme

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass der heutige Tag die noch intensivere Fortsetzung einer gewachsenen Wertschätzung und Freundschaft ist.
Auch wenn das Coronavirus uns bei den Planungen für diese Feierlichkeiten einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, und wir auf ein zusammenbringendes Fest mit zehntausenden begeisterten Kärntnerinnen und Kärntner verzichten müssen: das Feiern unseres gemeinsamen Landesfeiertages wird uns kein Virus nehmen! Und irgendwann werden wir auch das große Fest der Täler, Regionen und Nachbarn nachholen und gemeinsam feiern, dazu lade ich Sie jetzt schon herzlich ein.
Wenn wir heute der Volksabstimmung vom 10. Oktober 1920 – quasi der Geburtsstunde unseres heutigen Kärnten – gedenken, dann tun wir das nicht in einem verklärten Blick in die Vergangenheit.
Heute gedenken wir diesem Tag mit der notwendigen Demut, dem allerhöchsten Respekt für die Leistungen, den Einsatz und die Opferbereitschaft unserer Eltern und Großeltern, die mit ihrer damaligen Entscheidung für einen Verbleib bei Österreich das Fundament für unser heutiges gemeinsames Kärnten/ Koroṧka gelegt haben.
Wir gedenken dem 10. Oktober 1920 auch in vollem Bewusstsein, dass der Weg zu diesem Tag ein überaus langer, steiniger und auch blutiger Weg war. Hunderte Todesopfer und noch viel mehr Verletzte forderte der vorhergehende Abwehrkampf – er forderte sie auf beiden Seiten. Ihnen allen gedenken wir heute, in dem Bewusstsein wie kostbar und doch zerbrechlich Frieden sein kann.
Umso bemerkenswerter und wichtiger, war dann die deutliche Entscheidung von über 59 Prozent der befragten Bevölkerung für den Verbleib Kärntens bei der jungen Republik Österreich. Dass ohne die überwältigende Zustimmung der slowenischsprechenden Landsleute dieses Ergebnis nicht zustande gekommen wäre, wurde viele Jahre bei den 10. Oktober-Feiern negiert. Auch das hat sich in den letzten Jahren geändert. Das Leid, dass viele Landsleute, insbesondere Angehörige der Slowenischen Volksgruppe durch Verfolgungen und Vertreibungen erdulden mussten, aber auch der hohe Blutzoll im Kampf gegen die Nazi-Herrschaft sind Bestandteil der Kärntner Geschichte – letzterer trug entscheidend zum Befreiungskampf gegen die Nazi-Diktatur bei!
Um eine Einigkeit in Vielfalt und die slowenische Sprache als Bereicherung und nicht mehr als Bedrohung zu begreifen, war und ist es mir immer wichtig, unsere Erinnerungskultur konsequent weiterzuentwickeln:
Aufeinanderzugehen, statt Forderungen ausschließlich mit dem Blick auf eigene, nationale, regionale oder parteipolitische Vorteile zu stellen;

  • das Gemeinsame vor das Trennende stellen;
  • die Bereitschaft zuzulassen, sich selbst im eigenen Gegenüber wiederzuerkennen;
  • die Fähigkeit, Bedürfnisse von anderen als eigene zu erkennen;
  • den Blick für eine gemeinsame Zukunft in einem gemeinsamen in Vielfalt geeinten, mehrsprachigen Europa zu öffnen,

statt mit national-egoistisch behafteten Scheuklappen auf einen Abgrund zuzulaufen, ohne die Abzweigung in eine positive Zukunft direkt daneben sehen zu können.

Dieses Erkennen der ungeahnten gemeinsamen Möglichkeiten hat sich in den letzten 10 Jahren mehr und mehr durchgesetzt. Dafür bin ich als Landeshauptmann genauso wie als glühender Kärntner und begeisterter Europäer dankbar. Ich fühle mich allen verbunden, die diesen neuen Kärntner Weg mitgebaut haben.

Stellvertretend für viele möchte ich mich bei der Kärntner Konsensgruppe rund um Josef Feldner und Marjan Sturm bedanken, die mustergültig vorgelebt haben, wie man durch gegenseitigen Respekt und Verständnis für den jeweils anderen nicht nur Gräben überwinden sondern sprichwörtliche Berge versetzen kann. Ebenso dankbar bin ich meinem Vorgänger Gerhard Dörfler, der 2011 gemeinsam mit Staatssekretär Josef Ostermayer mit einem für das Land damals vielleicht gar nicht abschätzbaren Weitblick und seinem Beitrag zur Lösung der Ortstafelfrage, die Tür in eine gemeinsame europäische Zukunft für alle Kärntnerinnen und Kärntner, deutsch- und slowenischsprechende, weit aufgestoßen hat.
Danke, hvala, allen an der damaligen Lösung Beteiligten!
Ausgehend von dieser Lösung und der weiteren Entwicklung Kärntens wuchs die positive Resonanz im In- und Ausland.
Ich kann Ihnen als Mitglied im Europäischen Ausschuss der Regionen versichern, die Weiterentwicklung Kärntens, der Beziehungen zu und die gemeinsamen Kooperationen mit Slowenien und auch Italien finden auf europäischer Ebene Beachtung – und politische wie finanzielle Unterstützung.
Stellvertretend für das Gesagte, und als symbolhaftes Beispiel möchte ich die Weiterentwicklung des einstigen Kontakt-Komitees zum gemeinsamen Komitee Slowenien-Kärnten erwähnen. Ebenso die hervorragende Zusammenarbeit im Bereich des Katastrophenschutzes – wie oft haben sich Kärntner Landsleute – deutsch- und slowenischsprachige gemeinsam mit slowenischen Kolleginnen und Kollegen gemeinsam Naturkatastrophen entgegengestellt, Menschen dies- und jenseits der natürlichen Grenze geschützt. Dass wir uns gegenseitig bei Verwaltungsvereinfachungen unterstützen und voneinander lernen, grenzüberschreitende Lehrlingsausbildungen organisieren, die zweite Röhre des Karawankentunnels bauen und vieles andere mehr – all das zeigt, wie wir gemeinsam aus der Geschichte gelernt habend, miteinander die Weichen für eine gemeinsame Zukunft unserer Bevölkerung stellen.
Natürlich kommt es hin und wieder zu Diskussionen. Und das ist gut so: Diskussionen, sofern sie sachlich-konstruktiv geführt werden sind das Salz in der Demokratie und die wichtigste Zutat für positive Prozesse.
Als Marathonläufer weiß ich: Immer kommt es darauf an, das Ziel im Auge zu haben, sich die Kraft entsprechend einzuteilen, manchmal das Tempo etwas zurückzunehmen, um das Ziel zu erreichen und sich den nächsten Herausforderungen zu stellen!
Mit der Lösung der Ortstafelfrage 2011 ist uns ein entscheidender Schritt gelungen, der uns gemeinsam Rückenwind beschert hat. Mit der vielbeachteten Änderung der Landesverfassung und der erstmals in einer Landesverfassung explizit erwähnten slowenischen Volksgruppe, haben wir seitens des Landes Kärnten ein weithin unübersehbares Signal ausgesandt. Dass mittlerweile einige Gemeinden per Gemeinderatsbeschlüssen sämtliche Ortstafeln zweisprachig aufstellen, ist erfreulich und ein klares Bekenntnis zur Mehrsprachigkeit in Kärnten.
Ich sage das auch ganz bewusst in Richtung all jener, die mit dem bisher Erreichten unzufrieden sind: Justament-Standpunkte und überzogene Forderungen helfen niemandem weiter. Wichtig ist es, die Hand zur Zusammenarbeit auszustrecken, auf den jeweils anderen zuzugehen. Wir erreichen die Mitte der Brücke nicht gemeinsam, wenn eine Seite weniger Schritte macht als der andere. In diesem Sinne denke ich heute auch an unsere gemeinsamen Landsleute in Slowenien. Ich darf Sie, geschätzte Herren Präsidenten, um entsprechendes Gehör und Unterstützung für deren Anliegen ersuchen!
Kärnten ist heute vielfältiger, offener, noch liebens- und lebenswerter – diese Vorwärtsentwicklung haben unsere Eltern und Großeltern, hat die sich weiterentwickelnde Bevölkerung mit der sich von vielen ideologischen Fesseln befreiten Politik gemeinsam ermöglicht.
Wir haben in unserer Geschichte viele Entbehrungen und Opfer hinnehmen müssen, und – ja auch das ist einzubekennen – viele haben auch mit dazu beigetragen, anderen Leid zuzufügen – sei es in der dunklen Zeit des Nationalsozialismus, vor während und nach den beiden Weltkriegen, der die Kärntner Landsleute spaltende und das Land lange lähmende Ortstafelkonflikt oder auch der wirtschaftliche Überlebenskampf in Folge der Hypo-Heta-Krise, die ausgerechnet an einem 10. Oktober – nämlich dem 10. Oktober 2016 – endgültig abgewendet werden konnte. Es waren die konstruktiven, zukunftsorientierten Kärntner Landsleute, die sich nie entmutigen haben lassen. Gemeinsam und unterstützt von Partnern und Freunden – sei es in den unterschiedlichen Bundesregierungen oder bei unseren Nachbarn – ist Kärnten in den letzten Jahren regelrecht aufgeblüht.
Wir konnten die Arbeitslosigkeit über knapp 50 Monate hintereinander senken, gleichzeitig das Wirtschaftswachstum anheben, haben uns mit einer Reihe von sozialen, solidarischen Maßnahmen und klugen Infrastrukturinvestitionen sowie strategischen Kooperation mit Instituten von Weltformat einen Ruf in Europa und international erarbeitet, auf den wir gemeinsam stolz sein können!
Corona hat uns, wie alle anderen Regionen auch hart getroffen. Die Folgen sind insgesamt noch nicht abschätzbar. Das schlimmste ist, dass so viele Menschen ihren Job verloren haben, verunsichert sind und dramatische Entbehrungen hinnehmen müssen.
Aber gemeinsam, Schulter an Schulter mit dem Bund, mit unseren Nachbarn und mit Europa werden wir auch diese Krise meistern. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Kärnten wird sich wieder erholen und wieder zu dem werden, wozu wir auf dem besten Weg waren: Eine Region im Herzen Europas, die in Vielfalt geeint ist, die Mehrsprachigkeit lebt, in der man sich wohl fühlt und jeder Mensch Unterstützung bekommt, um seine Träume zu verwirklichen – ein Land zum Leben und zum Verlieben.
Ein Land, in dem „die Fürsorge allen Landsleuten gleichermaßen gilt“ – wie es in unserer novellierten Landesverfassung festgehalten ist!
Die Basis für eine erfolgreiche Zukunft Kärntens wurde vor 100 Jahren geschaffen.
Dafür sage ich stellvertretend für mehrere Generationen Danke! HVALA!
Heute tragen WIR die Verantwortung für die Gestaltung unserer Zukunft. Tragen wir diese Verantwortung im demokratischen Geiste gemeinsam!

Es lebe unser Heimatland Kärnten, es lebe die Republik Österreich in einem gemeinsamen Europa!

Peter Kaiser, Landeshauptmann Kärnten

10.10.2020